Vorwort zu unserem Monatsrückblick

Vater und Kind

Liebe Leserinnen und Leser,

als ich Teenager war, war die deutsche Politik noch ziemlich langweilig. Helmut Kohl wurde kurz vor meiner Geburt Bundeskanzler und blieb es dann 16 Jahre lang. Auch danach gab es lange nur zwei große Parteien, CDU und SPD. Die wenigen kleineren konnten ihnen höchstens noch zur Mehrheit verhelfen. 

Von diesen Zeiten ist im September 2026 nicht mehr viel übrig: In Mecklenburg-Vorpommern fliegt die CDU erstmals aus einem Landtag. In Sachsen-Anhalt wird die AfD mit einem Rekordergebnis und großem Abstand stärkste Partei. Und in Berlin wird zum ersten Mal die Partei Die Linke stärkste Kraft. Langweilig ist das alles längst nicht mehr. Fast wünscht man sich ein Stück der alten Langeweile zurück. Helmut Kohl muss nun aber auch nicht mehr sein. Es reicht ja schon, dass Friedrich Merz oft wirkt wie die Parodie eines Politikers der 90er Jahre.

Über die neuen Erfolge und Misserfolge der Parteien wird nun viel gesprochen und geschrieben. Interessant ist dabei aber auch ein Blick auf die Entwicklungen hinter den Parteien und Wahlergebnissen. 

Die Zivilgesellschaft wächst

In Sachsen-Anhalt etwa scheint sich durch das Engagement in den Wochen und Monaten vor der Wahl eine “sehr stabile Zivilgesellschaft entwickelt” zu haben. Das jedenfalls berichtet die Magdeburger Regionalbischöfin Bettina Schlauraff in der taz. In Thüringen wiederum sollen nun Verfassungscoaches dabei helfen, die Demokratiebildung zu stärken und auf Hassbotschaften an Schulen zu reagieren. Zusätzlich soll die offenbar gut funktionierende Verfassungsviertelstunde noch in diesem Herbst ausgeweitet werden.

In Altenburg, ebenfalls Thüringen, treffen sich übrigens seit 25 Jahren einmal im Jahr hunderte Menschen auf dem Marktplatz, um gemeinsam zu speisen. Ein Teilnehmer findet: „Es müsste noch mehr solcher Anlässe geben, wo man miteinander ins Gespräch kommt.“ Da kann man nur zustimmen. Warum nicht in jeder Stadt? Und warum nur einmal im Jahr? In Frankreich gibt es in vielen Dörfern Nachbarschaftsessen oder Gemeindebankette. Das löst nicht gleich alle politischen Probleme. Aber es stärkt den Zusammenhalt, wirkt der Vereinzelung entgegen und hilft gegen die Polarisierung. 

Diese Ziele verfolgt übrigens auch ein neues kleines Talk-Format des NDR. Dabei treffen Menschen mit gegensätzlichen Positionen aufeinander, diskutieren und tauschen für einen Tag die Rollen. Auf diese Weise Perspektivübernahme zu trainieren, dürfte auch vielen Menschen außerhalb der Talkshows gut tun. 

Engagierte Väter, weniger radikale Söhne

Und sehr spannend fanden wir in diesem Kontext auch den WDR-Bericht über migrantische Vätergruppen in Nordrhein-Westfalen. Diese werden seit einiger Zeit gefördert, weil Studien zeigen, dass Jungen vor allem dann für radikalisierte Ideen empfänglich sind, wenn ihre Väter autoritär oder abwesend sind. Die Berichte der Teilnehmenden sind äußerst positiv. Fragt sich nur, warum man nicht auch Vätergruppen ohne Migrationshintergrund fördert. Radikalisierungspotenzial gibt es da ja ganz offensichtlich auch. Und abgesehen davon lohnen sich gute Vater-Sohn-Beziehungen ohnehin für alle Familien, Gruppen und Kulturen. 

Weitere Fortschritte aus aller Welt haben wir wie immer in unserem Monatsrückblick gebündelt: vom bisher größten Schutzgebiet im Amazonas bis hin zu einem neuen Fonds, der die Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen beenden soll. 

Und wem das immer noch nicht reicht, der kann seinen Optimismus ja einfach mal selbst trainieren. Dafür gibt es mittlerweile gute Übungen wie etwa Dankbarkeitstagebücher. Einer neuen Studie zufolge haben solche Strategien der Positiven Psychologie bei Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sogar einen positiven Einfluss auf Blutdruck und Entzündungswerte. 

In diesem Sinne herzliche Grüße

Jonathan Widder

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