China plant das größte Nationalparksystem der Welt

Huangshan-Nationalpark in China

China will sein Netzwerk an Nationalparks bis 2035 stark vergrößern – auf eine Gesamtfläche von bis zu 1,1 Millionen Quadratkilometern. Es könnte das mit Abstand größte Nationalparksystem weltweit werden. 

China gehört zu den artenreichsten Ländern der Welt, sieht sich aber auch mit extremen Umweltschäden konfrontiert. Bei der Energieerzeugung treibt die Regierung bereits massiv den Ausbau von Photovoltaik voran. Nun soll auch das Netzwerk an Nationalparks stark ausgebaut werden.

Im Juni 2020 verabschiedeten Chinas Nationale Entwicklungs- und Reformkommission und das Ministerium für natürliche Ressourcen den „Masterplan für den Schutz und die Wiederherstellung von Ökosystemen“ bis 2035. Er sieht unter anderem vor, dass nationalparkzentrierte Schutzgebiete mehr als 18 Prozent der nationalen Gebiete an Land ausmachen. Vorbild ist dabei das amerikanische Nationalparksystem, das 1872 mit der Gründung des Yellowstone-Nationalparks seinen Anfang nahm.

Gletscher und Wüsten, Pandas und Schneeleoparden

In den vergangenen Jahren hat China bereits fünf Nationalparks neu ausgewiesen, so etwa den Sanjiangyuan-Nationalpark. Er liegt auf dem Qinghai-Tibet-Plateau und wird auch „Chinas Wasserturm“ genannt, weil er die Quellregion der Flüsse Jangtse, Mekong und Gelb schützt. Mit einer Fläche von 190.700 Quadratkilometern ist er größer als der US-Bundesstaat Florida. Topographisch zeichnet sich der Park durch alpine Gipfel, Gletscher, Wüsten und Wiesen aus. Zudem beherbergt er seltene Schneeleoparden und Antilopen.

Angepasst an die jeweiligen Landschafts- und Klimabedingungen verfolgt jeder der fünf Nationalparks das Ziel, ein eigenes Ökosystem zu bewahren und weiterzuentwickeln. So wurde der Giant Panda Nationalpark in den Provinzen Sichuan, Shaanxi und Gansu eingerichtet, um rund 1.900 Große Pandas vor dem Aussterben zu schützen. Der Northeast Tiger and Leopard National Park bietet dem stark bedrohten Amur-Leoparden und dem Sibirischen Tiger Rückzugsräume entlang der Grenzen zu Russland und Nordkorea. In den Tropen bewahrt der Hainan Tropical Rainforest National Park das letzte Verbreitungsgebiet des Hainan-Gibbons, des seltensten Menschenaffen der Welt. In den Provinzen Fujian und Jiangxi prägen rote Steinklippen, tiefe Schluchten und markante Gipfel die Landschaft – hier vereint der Wuyi Mountain Nationalpark den Schutz sensibler Natur mit dem Erhalt des UNESCO-Welterbes Mount Wuyi.

Strengere Standards, größere Flächen

Die fünf Parks sind längst nicht die einzigen Schutzgebiete in China. Doch es sind die ersten, die nach den strengen Kriterien der International Union for Conservation of Nature (IUCN registriert sind. Die weltweit anerkannte Organisation definiert Schutzkategorien für Nationalparks, die sich an strengen Umwelt- und Managementkriterien orientieren. Danach sind Nationalparks so zu gestalten, dass sie in erster Linie dem Naturschutz dienen. Tourismus ist zwar erlaubt, jedoch nur in einem begrenzten Umfang und unter strengen Auflagen. 

Nach eigener Definition hatte China bereits 2017 mehr als 200 Nationalparks. Der erste wurde im Jahr 1982 errichtet. Der neue Plan sieht nun nicht nur strengere Standards, sondern auch eine Vervielfachung der Gesamtfläche des Nationalpark-Netzwerks vor. 

Die Gibbons erholen sich langsam

Erste Erfolge sind dennoch bereits sichtbar. In den 1980er Jahren war etwa die Population der Hainan-Gibbons aufgrund übermäßiger Jagd und Holzfällerei auf nur noch sieben Tiere gesunken. Dank der Erhaltungsbemühungen wird die Gibbonpopulation in Hainan mittlerweile auf 36 Affen geschätzt. Im Gebiet des Sanjiangyuan-Nationalparks erholen sich die Wildtier- und Pflanzenpopulationen zunehmend. So ist die Zahl der Tibetischen Antilopen – einer in China streng geschützten Art – in der Region Hoh Xil von weniger als 20.000 in den 1990er Jahren auf mehr als 70.000 Tiere gestiegen.

Gleichzeitig ist die Gründung der Nationalparks nicht frei von Konflikten. Die Einrichtung des Sanjiangyuan-Nationalparks führte zur Aufhebung traditioneller Weiderechte und zur Umsiedlung zahlreicher tibetischer Nomaden. Laut Asia Times folgt die chinesische Regierung dabei einem Ansatz, der als „kolonialer Naturschutz“ bezeichnet wird: Demnach soll Biodiversität bewahrt werden, indem indigene Bevölkerungen an anderen Orten neu angesiedelt werden, damit sich das Gebiet möglichst unbeeinflusst vom Menschen entfalten kann.

Kompromisse zwischen Tierschutz und lokaler Entwicklung

Um den Bedürfnissen der Nationalparks und der heimischen Bewohner gerecht zu werden, sind Kompromisse erforderlich. Ein Beispiel dafür ist das tibetische Dorf Angsai, das am Ufer des oberen Mekong im Sanjiangyuan-Nationalpark liegt. Dort wird seit 2018 ein von der Gemeinde geführtes Tourismusprogramm betrieben, das sowohl den Einheimischen als auch den dort lebenden Schneeleoparden zugutekommt. Besucher können bei den heimischen tibetischen Familien übernachten und sich von ihnen die Lebensräume der Wildkatzen zeigen lassen. „Die Gemeinde hat alle wichtigen Entscheidungen getroffen, und 100 Prozent der Einnahmen bleiben in der Gemeinde“, so Terry Townshend, Berater des Shan Shui Conservation Center.

Die übergreifenden Ziele des Nationalparkprojekts in China sind der Schutz gefährdeter Tier- und Pflanzenarten, die wirtschaftliche Entwicklung und die Erhaltung des kulturellen Erbes. Als „Klassenzimmer im Freien“ für die Bevölkerung sollen die Parks zudem der Schärfung des Bewusstseins für den Umweltschutz dienen. Ob China es schafft, sein ehrgeiziges Ziel bis 2035 zu erreichen, bleibt abzuwarten. Doch bisher sieht es durchaus danach aus, dass die Regierung es ernst meint.

Quellen: climatecooperation.cn, National Geographic 1, National Geographic 2, Asia Times, New sGD, China View, Wikipedia

Foto: Chi King via Wikimedia Commons (CC BY 2.0)

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