Ein großes Stadtlabor auf ehemaligem Meeresgrund

Wie die niederländische Stadt Almere Architektur, Landwirtschaft und Gemeinschaft miteinander verknüpft
In den 1920er Jahren entstand in den Niederlanden durch den Bau von Deichen und das Trockenlegen der Zuiderzee mit Flevoland die größte künstliche Insel der Welt. Auf dem neu gewonnenen Land wurde in den 1970er Jahren die Stadt Almere errichtet. Heute zählt sie mehr als 230.000 Einwohner und wächst immer noch weiter. Besonders der Stadtteil Oosterwold bricht mit der niederländischen Planungstradition: Statt Grachtenidylle und Windmühlenromantik prägt hier „organisiertes Chaos“ das Bild. Denn die Bewohner gestalten ihre Umgebung selbst.
Freiheit mit Verantwortung
Die 5.000 Bewohnerinnen und Bewohner von Oosterwold können ihrer planerischen Kreativität freien Lauf lassen: Sie entwerfen ihre Häuser, Zufahrten, Gärten oder Spielplätze eigenständig – Oosterwold ist ein „Freiluftmuseum für moderne Architektur“. Zwischen Tiny Houses, Solarfeldern und selbstgebauten Holzhäusern wachsen Kürbisse, Kartoffeln und Weinreben. Alles beruht auf Eigeninitiative, ohne starre Bauvorschriften oder zentrale Planung. Eine Regel gilt jedoch für alle: Mindestens die Hälfte jedes Grundstücks muss landwirtschaftlich genutzt werden.
Damit verbindet Almere drei große Herausforderungen moderner Städte: Ernährungssicherheit, Nachhaltigkeit und Lebensqualität. Was wie ein anarchisches Experiment wirkt, folgt einem klaren Prinzip: Selbstorganisation statt Fremdsteuerung. Wer in Oosterwold baut, muss sich mit seinen Nachbarn über Wege, Wasserleitungen, Stromanschlüsse und gemeinsame Flächen abstimmen. Die Bewohner gründen Kooperativen, um Spielplätze, Parks oder Straßen zu planen und zu finanzieren. So entsteht eine neuartige Gemeinschaft, die auf Kooperation, Vertrauen und Verantwortung basiert.
Viele Zugezogene kommen aus dem nahen, dicht bebauten Amsterdam. Sie suchen Freiraum, bezahlbares Land und die Möglichkeit, das eigene Lebensumfeld ohne bürokratische Hürden zu gestalten. Oosterwold zieht Architektinnen, Künstler, Familien und Handwerker gleichermaßen an.
Vom Acker auf den Teller – ohne Lieferwege
Einer von ihnen ist Jalil Bekkour, ein Koch mit marokkanischen Wurzeln. Während der Pandemie musste er sein Restaurant in Amsterdam aufgeben und zog nach Oosterwold. Dort entdeckte er ein völlig neues Konzept: Auf seiner Mikrofarm betreibt er ein Pop-up-Restaurant, in dem er ausschließlich saisonale Produkte verarbeitet – aus seinem eigenen Garten oder von benachbarten Höfen. Rund 80 Prozent seiner Zutaten stammen aus der unmittelbaren Umgebung.
„Man muss keine Tomaten über tausende Kilometer transportieren, wenn sie direkt vor der Haustür wachsen können“, sagt Jalil. Sein nächstes Projekt ist ein Gemeinschaftsrestaurant mit offener Testküche – ein Ort, an dem Nachbarn gemeinsam essen, kochen und kulinarisch experimentieren. Für ihn steht Oosterwold für ein neues Gleichgewicht zwischen Arbeit, Natur und Gemeinschaft.
Ein Modell für die Zukunft?
Doch völlige Freiheit hat ihren Preis. Weil die Bewohner Straßen, Wasseranschlüsse und Grünflächen zunächst selbst planen sollten, hinkte die Infrastruktur zeitweise hinterher. Wo heute asphaltierte Wege verlaufen, gab es lange nur Schlammstraßen. Kosten für Abwasser und Verkehrsanbindungen fielen deutlich höher aus als erwartet. Manche Anwohner fühlten sich überfordert und einige Projekte mussten schließlich doch durch die Stadtverwaltung koordiniert und finanziert werden.
Wie in jedem Experiment klappt auch in Oosterwold nicht alles perfekt. Doch es stellt eine Frage, die viele Städte Europas beschäftigt: Wie viel Kontrolle braucht eine Stadt und wie viel Freiheit kann sie zulassen? Die Antwort, die auf dem ehemaligen Meeresgrund entsteht, zeigt, dass es ziemlich viel Freiheit sein kann und dass Urbanität und Eigenverantwortung keine Gegensätze sein müssen.
Weitere Quellen: faz.net, theguardian.com, ajlajournal.org
Foto: Jonathan Hanna / Unsplash (Symbolbild)
Weitere Beiträge
Squirrel News ist eine Plattform für lösungsorientierte Nachrichten. Mit unserer kostenlosen App oder unserem Newsletter bekommt ihr dreimal pro Woche einen Überblick über die wichtigsten Medienberichte über Chancen, Fortschritte und neue Lösungsansätze für die Herausforderungen der Gesellschaft.


