“Waldstadt” soll Wohnraum für eine Million Menschen bieten

Neue “Waldstadt” in England soll Wohnraum für eine Million Menschen bieten

Wald, Waldweg

In der geplanten “Forest City” sollen neben günstigem Wohnraum auch 5.000 Hektar neue Waldflächen entstehen. Noch steht das ehrgeizige Projekt vor vielen Herausforderungen, doch es hat bereits eine breite Basis an Unterstützern aus allen politischen Lagern.

Östlich von Cambridge, zwischen Newmarket und Haverhill, soll gegen Ende des Jahrzehnts eine neuartige Stadt entstehen. Geplant ist eine Waldstadt, die Platz für bis zu eine Million Menschen bietet und von Anfang an in bestehende und neu angelegte Waldflächen eingebettet ist. Initiatoren des Projekts sind der ehemalige Guardian-Journalist Shiv Malik und der Unternehmer Joe Reeve. Ihr Ziel ist es, Wohnen und Arbeiten nachhaltig, ökologisch und sozial ausgewogen zu gestalten.

5.000 Hektar neuer Wald in der Stadt

Im Zentrum des Konzepts steht die Idee, dass Bäume und Pflanzen das Fundament der Stadt bilden und nicht erst nachträglich hinzugefügt werden. Architektur und Natur sollen von Beginn an eng miteinander verbunden sein, so dass urbanes Leben und grüne Umgebung harmonisch ineinandergreifen. Geplant sind rund 5.000 Hektar neue Waldflächen. Zudem sollen renaturierte Flüsse und vernetzte Grünzüge die Stadtquartiere durchziehen. 

Maliks Ansatz sieht vor, das bestehende alte Waldgebiet nicht zu verdrängen, sondern als grüne Korridore in die Stadtstruktur einzubinden. Die Bebauung soll sich um diese Naturachsen herum entwickeln. Durch zusätzliche Neupflanzungen soll ein weitläufiges und vernetztes Ökosystem entstehen, das zudem auch die Tierwelt schützt und fördert.

Nichtsdestotrotz soll “Forest City” von Anfang an über eine vollständige urbane Infrastruktur verfügen: Schulen, Krankenhäuser, Nahversorgung, Arbeitsplätze, Parks und Kulturangebote. Die Stadt soll in Quartiere unterteilt werden, um kurze Wege zu gewährleisten. Der motorisierte Individualverkehr spielt eine untergeordnete Rolle; die Bewohner sollen sich überwiegend zu Fuß, mit dem Rad oder mit der Straßenbahn fortbewegen. Die Gebäude sollen in modularer Holzbauweise entstehen, um den CO2-Ausstoß gering zu halten und gleichzeitig kostengünstigen Wohnraum zu ermöglichen.

Bezahlbarer Wohnraum durch ein gemeinnütziges Eigentumsmodell

Die Idee von bezahlbarem Wohnraum für alle ist ein zentraler Aspekt des Vorhabens. Um dies zu ermöglichen, soll das Solidarmodell Community Land Trust (CLT) zur Anwendung kommen. Danach wird das Eigentum von Land und Gebäuden getrennt. Das Land wird von einer gemeinnützigen Organisation gekauft und verwaltet, während Einzelpersonen oder Familien das darauf stehende Haus besitzen. So sollen Bodenspekulationen verhindert und Wertsteigerungen der Immobilien begrenzt werden. Auch nachfolgende Generationen können dadurch Zugang zu erschwinglichem Wohnraum erhalten. Vierzimmerwohnungen werden für die „Forest City“ zu einem Kaufpreis von etwa 350.000 Pfund in Aussicht gestellt – deutlich günstiger als sonst im Raum Cambridge.

Das Vorhaben „Forest City“ ist Teil einer größeren ökologischen Strategie: Die britische Regierung plant die Schaffung mehrerer Nationalwälder; darunter der ”Western Forest“, in dem bis 2050 rund 20 Millionen Bäume gepflanzt werden sollen. Entlang des Oxford-Cambridge-Korridors sollen zudem kleinere „Forest Towns“ entstehen. Die “Forest City“ wäre jedoch mit Abstand das größte Vorhaben dieser Art.

Viele Unterstützer, große Herausforderungen

“Der Bau einer neuen Stadt mag auf den ersten Blick waghalsig erscheinen, doch genau darin sehen wir eine echte Chance für nationale Erneuerung”, heißt es auf der Website forestcity.uk “Wenn dieses Projekt in echter Partnerschaft entsteht und der Mensch sowie der Ort im Mittelpunkt stehen, kann es die Lebensperspektiven der heutigen und kommenden Generationen grundlegend verändern“. Als Unterstützer haben die Initiatoren bereits fast 800 Personen aus dem gesamten politischen Spektrum mobilisiert, von Aktivisten der Grünen Partei bis hin zu Leitern rechter Thinktanks. 

Die Idee der Waldstadt hat jedoch nicht nur Befürworter. Der “Guardian” hält die  „Forest City“ für weniger nachhaltig, als es die ambitionierte Planung zunächst vermuten ließe. Es müssten rund 18.000 Hektar Land umgewandelt werden, wobei nur 5.000 Hektar davon bewaldet würden. Ein Großteil der Fläche bestehe aus hochproduktivem Ackerland. Dessen Verlust könne langfristig die Ernährungssicherheit gefährden.

Des Weiteren gehöre die Region östlich von Cambridge zu den trockensten Englands. Eine Millionenstadt mit großem Waldbestand würde enorme Anforderungen an die Wasseraufbereitung und Abwasserentsorgung darstellen. Dabei gelten die Wasser- und Abwasserkapazitäten in der Region schon heute als angespannt.

Noch ist ungewiss, ob und in welcher Form die “Forest City” Wirklichkeit wird. Genehmigungsverfahren, Finanzierung und Infrastrukturfragen sind bislang ungeklärt. Dennoch schafft selbst die Idee alleine schon etwas, was die meisten Bauvorhaben bisher vermissen lassen: Sie zeigt, wie es in Zukunft möglich sein könnte, den enormen Bedarf an Wohnraum mit der Notwendigkeit von Umweltschutz und Renaturierung zu verbinden. 

Quellen: forestcity.uk, theguardian.com (1), theguardian.com (2), nordisch.info

Foto: Kiriakos Verros / Unsplash (CC0)

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