Neuer Fonds soll mit 100 Millionen Dollar Genitalverstümmelung beenden

Ein neuer, bisher einzigartiger Fonds soll eine “unaufhaltsame Dynamik” erzeugen, um weibliche Genitalverstümmelung weltweit zu beenden. Zum Start ist der “Her Horizon”-Fonds mit 15,5 Millionen US-Dollar ausgestattet. Mittelfristig soll er auf ein Volumen von 100 Millionen US-Dollar anwachsen.
Weltweit leben nach Angaben der Vereinten Nationen mehr als 230 Millionen Frauen und Mädchen mit den Folgen weiblicher Genitalverstümmelung (FGM). Die Vereinten Nationen haben sich vorgenommen, die Praxis bis 2030 vollständig zu beenden. Doch ob dies gelingt, ist äußerst fraglich. Zwar ist die Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen in den meisten afrikanischen Ländern mittlerweile gesetzlich verboten. Dennoch werden die Verbote längst nicht überall konsequent eingehalten. Zudem drängen in einigen Ländern konservative Gegenbewegungen darauf, die Praxis wieder einzuführen.
Ein weiteres Problem ist der Rückgang internationaler Finanzierung. Das gemeinsame Programm des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen UNFPA und des UN-Kinderhilfswerks UNICEF verzeichnete im vergangenen Jahr einen Mittelrückgang von rund 45 Prozent, von 29,6 Millionen auf 16,3 Millionen US-Dollar, wie die britische Zeitung The Guardian berichtet. Nun soll ein neuer, nicht-staatlicher Fonds diese Lücke füllen.
100 Millionen Dollar für Graswurzel-Initiativen
Initiiert vom Wallace Global Fund (USA) und unterstützt durch eine anonyme Spende, startet der Her Horizon Fund mit einem Volumen von 15,5 Millionen US-Dollar. Insgesamt sollen 100 Millionen US-Dollar mobilisiert werden, um weibliche Genitalverstümmelung weltweit zu beenden. Entscheidend ist dabei die Strategie: Die Mittel sollen nicht vornehmlich in große, zentral gesteuerte Programme fließen, sondern in Graswurzel-Initiativen, also Projekte aus der Zivilgesellschaft.
Susan Gibbs, Beraterin des Fonds, erklärt das so: “Dauerhafte Veränderungen müssen von den Betroffenen vor Ort vorangetrieben werden – sie können nicht von außen aufgezwungen werden. Die Betroffenen und Aktivisten vor Ort kennen ihre Gemeinschaften und wissen, was dafür nötig ist. Sie müssen über die Ressourcen und die Macht verfügen, um die Führung zu übernehmen.”
Für Aktivistinnen wie Ifrah Ahmed von der Ifrah Foundation sind neue Geldquellen nach dem Wegfall der UN-Finanzierung in der Tat unabdingbar. Die somalisch-irische Stiftung habe dazu beigetragen, die Verabschiedung von Gesetzen gegen die Genitalverstümmelung von Frauen in Somalia voranzutreiben, erklärt Ahmed gegenüber dem Guardian. “Wenn wir nicht weiterhin Spenden sammeln, wird der Traum, dass diese Praxis ein Ende findet, für junge Mädchen gestorben sein.”
Kenia: Was die Einbindung von Männern bewirken kann
Ein Blick nach Kenia zeigt, wie begrenzt die Wirkung rein rechtlicher Maßnahmen sein kann. Obwohl Genitalverstümmelung dort seit 2021 verboten ist, wird die Praxis in ländlichen Regionen wie Samburu weiterhin an Mädchen im Alter von 13 bis 16 Jahren durchgeführt. Dahinter stehen tief verankerte Traditionen. Genau hier setzt die Organisation Men End FGM an. Sie arbeitet gezielt mit Hirten und jungen Kriegern (Morans) und verbindet Aufklärung mit einer Diskussion über Verantwortung, Ehevorstellungen und Status.
Der 24-jährige Bosco Letunta etwa beschreibt gegenüber der ARD einen Perspektivwechsel nach dem Ansehen von Aufklärungsvideos: „Die Männer entscheiden, ob sie eine beschnittene oder unbeschnittene Frau heiraten. Ich war schockiert über das Leiden und möchte eine unbeschnittene Frau heiraten.“ Man mag kritisieren, dass der Einfluss damit immer noch bei den Männern bleibt, anstatt dass die Frauen die Entscheidung vollständig selbst treffen. Doch vieles spricht dafür, dass in Kontexten, in denen Männer Heiratsentscheidungen und soziale Anerkennung maßgeblich beeinflussen, ihr Umdenken ein Kippmoment auslösen kann.
In Kenis jedenfalls scheint die Arbeit von Men End FGM eine positive Entwicklung mit voranzutreiben: Dem Kinderhilfswerk UNICEF ist die FGM-Rate in Kenia bereits auf neun Prozent gesunken. Auf der Ebene einzelner Biografien wird diese Veränderung besonders greifbar. Die 50-jährige Mengathari Lolkingnati, die mit 13 Jahren ohne Betäubung verstümmelt wurde und jahrelang Schmerzen erlitt, widersetzt sich heute dem sozialen Druck, indem sie die Beschneidung ihrer eigenen Töchter ablehnt. Aus deutscher Sicht mögen solche Entscheidungen unspektakulär wirken. Doch es sind solche Brüche, aus denen sozialer Wandel entsteht.
Sierra Leone: Bondo-Kultur ohne Klinge
In Westafrika wiederum ist weibliche Genitalverstümmelung häufig in geheime Initiationsriten eingebettet, die nicht nur „Ritual“ sind, sondern soziale Zugehörigkeit organisieren. Gerade deshalb setzt die Aktivistin Rugiatu Turay in Sierra Leone nicht primär auf die Abschaffung der Bondo-Kultur, sondern auf Transformation, die Kontinuität und Bruch zugleich ermöglicht: „Keine Klinge, kein Blut, kein Schmerz Bondo“.
Das alternative Ritual behält zentrale Elemente wie Tänze, Lieder und gemeinschaftliche Wertevermittlung bei, verzichtet jedoch auf die physische Verletzung. Für viele Gemeinschaften dürfte dies entscheidend sein: Wenn der symbolische Übergang erhalten bleibt, verliert die Klinge ihre vermeintliche Notwendigkeit. Ergänzt wird dieser Ansatz durch ökonomische Alternativen für ehemalige Beschneiderinnen. Indem sie berufliche Perspektiven erhalten, etwa im Schneiderhandwerk, sinkt ihre Abhängigkeit von den Einnahmen aus Beschneidungen.
Prävention durch Schutzbrief und Wege zur medizinischen Selbstbestimmung
Auch in Europa ist Genitalverstümmelung eine Herausforderung, nicht zuletzt durch Migration und familiäre Bindungen. In Deutschland sind schätzungsweise 68.000 Frauen davon betroffen; etwa 15.000 Mädchen gelten als gefährdet – besonders während der Sommerferien, wenn Reisen in die Herkunftsländer der Familien stattfinden.
Als präventive Maßnahme hat die Bundesregierung vor fünf Jahren einen offiziellen Schutzbrief gegen Genitalverstümmelung eingeführt. Das Dokument informiert etwa in Arztpraxen über gravierende gesundheitliche Folgen von FGM und weist darauf hin, dass Verstöße in Deutschland mit bis zu 15 Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden können. Zudem droht der Verlust des Aufenthaltstitels. Gwladys Awo vom Verein Lessan e.V. berichtet, dass solche Informationen in der Praxis einen wichtigen Einfluss haben können: Die Aussicht auf rechtliche Konsequenzen liefere Eltern ein starkes Argument, um sich gegenüber Verwandten und lokalem Druck zu behaupten.
Ob das Zusammenspiel solcher Maßnahmen durch eine ausreichende Finanzierung nun tatsächlich eine “unumkehrbare Dynamik” erzeugt, muss sich in Zukunft erst noch zeigen. Dass viele Organisationen auf das Geld dringend angewiesen sind, dürfte jedoch klar sein. Zudem zeigen die Beispiele, dass es schon jetzt viele überzeugende Ansätze gibt, um den brutalen Teil der Praxis zu stoppen, ohne deshalb gleich auf alle Traditionen zu verzichten. Die Hoffnung auf eine Welt ohne weibliche Genitalverstümmelung erscheint damit durchaus als realistische Perspektive.
Foto: Jessica Lea / DFID via Flickr (CC BY 2.0)
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