Geteilte Lebensgeschichten als Mittel gegen Einsamkeit im Alter

Ein Projekt aus New York zeigt, wie das Erzählen und Zuhören auf Rezept ältere Menschen verbindet und aus der sozialen Isolation holt.
Einsamkeit und soziale Isolation sind bei älteren Menschen weltweit ein wachsendes Problem. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) fühlt sich jeder vierte Mensch ab 60 Jahren von der Gesellschaft ausgeschlossen – mit besorgniserregenden Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit.
Die Folgen von Einsamkeit auf die Gesundheit sind vergleichbar mit denen anderer etablierter Risikofaktoren wie Rauchen, Fettleibigkeit oder körperlicher Inaktivität. Im Jahr 2023 warnte der US-amerikanische Surgeon General – der oberste Gesundheitsbeamte der Vereinigten Staaten – vor einer „Einsamkeits-Epidemie“. Im Auftrag der American Medical Association (AMA) wurden daraufhin Hilfsprogramme entwickelt, die über soziale Isolation aufklären und helfen, diese frühzeitig zu erkennen und dagegen vorzugehen.
In diesem Zusammenhang entstand auch das Projekt StoryRx, eine Initiative der gemeinnützigen Organisation Life Story Club mit Sitz in Brooklyn, New York. Das Projekt sieht in der Kraft des Geschichtenerzählens ein wirksames Mittel gegen Einsamkeit und soziale Isolation.
Geteilte Lebensgeschichten auf Rezept
StoryRx basiert auf dem Prinzip der „sozialen Verschreibung“ (Social Prescribing): Statt Medikamente zu verschreiben, werden gezielt soziale Aktivitäten als therapeutischer Ansatz empfohlen; in diesem Fall das Erzählen und Teilen von Lebensgeschichten. Vor allem ältere Menschen, denen soziale Kontakte fehlen, erhalten so eine neue Möglichkeit, sich auszudrücken, gehört zu werden und eine neue Gemeinschaft zu finden.
Angehörige von Gesundheitsberufen „verschreiben“ ihren Patienten dabei die Teilnahme an sogenannten Life Story Clubs. Diese finden entweder über Zoom, Telefon oder im Rahmen von persönlichenTreffen statt. Dort können die Teilnehmenden unter Anleitung jüngerer Moderatoren einmal wöchentlich in geschütztem Rahmen von prägenden Kindheitserinnerungen, besonderen Erlebnissen oder kleinen Momenten, die ihr Leben geprägt haben, erzählen.
Kindheitserinnerungen, besondere Erlebnisse oder kleine Momente, die das Leben geprägt haben
Ein Beispiel ist die 76-jährige Ina Alfattah: Weil es ihr an sozialem Austausch fehlte, wurde sie über StoryRx von ihrem Arzt an einen Lebensgeschichten-Club verwiesen. „Wir haben nur etwa sechs Leute hier, aber ich freue mich darauf, von jedem einzelnen etwas Großartiges zu hören“, so das Fazit der Seniorin nach sechs Monaten ihres Dabeiseins.
Genauso engagiert und überzeugt ist die 89-jährige Ragaa Mussalli. Die Witwe aus Queens hält seit mehreren Jahren dem Lebensgeschichten-Club die Treue. Alters- und Mobilitätsprobleme schränkten ihre Beweglichkeit und Selbstständigkeit ein. Für sie wurde es immer schwieriger, sich mit anderen Menschen zu treffen und Verbindungen aufrechtzuerhalten. Dank des Clubs fühlt sie sich wieder wertgeschätzt und als ein Teil der Gesellschaft. Es gäbe keine Barrieren, was man sagen oder wann man aufhören soll zu reden. „Es gibt uns neuen Schwung. Deshalb fühlen wir uns weniger allein“, erzählte Mussalli.
Inzwischen gibt es in allen fünf Stadtbezirken New Yorks insgesamt 29 Life Story Clubs mit rund 400 aktiven Mitgliedern. Die Treffen finden in mehreren Sprachen statt – unter anderem auf Mandarin und Kantonesisch – und richten sich gezielt an Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Lebensrealitäten. Eine der Gruppen etwa richtet sich exklusiv an ältere LGBTQ-Personen und wird von einer queeren Moderatorin geleitet.
Ein Gemeinschaftsgefühl und bessere Laune
Egal ob digital oder persönlich: StoryRx schafft lebendige Begegnungsräume, in denen erzählte Geschichten und Erlebnisse ältere Menschen miteinander verbinden, so dass deren Einsamkeit nachlässt oder für eine Weile ganz verschwindet. Internen Umfragen zufolge vermittelt der Life Story Club 95 Prozent der Teilnehmenden ein echtes Gemeinschaftsgefühl und verbessert ihre Stimmung spürbar.
Damit die Geschichten auch noch nach den Treffen lebendig bleiben, wurde die Lebensgeschichten-Bibliothek gegründet. Die Teilnehmenden haben die Möglichkeit, ihre Geschichten aufnehmen zu lassen. Die Audioversion wird transkribiert und der digitalen Bibliothek hinzugefügt. Die Geschichtenerzähler können auf diesem Weg ihre Clubgeschichten mit Freunden und Familie teilen. Auf der Website von StoryRx kann man drei Geschichten auf Englisch nachlesen und nachhören.
Quellen: WHO, New York Post, Ärzteblatt, Life Story Club, Good Good Good
Foto: Danie Franco / Unsplash (CC0)
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