Wie Sauberkeit und Stadtgrün Kriminalität verringern können

Philadelphia

Weniger Waffenangriffe, weniger Einbrüche – und das ohne mehr Polizei oder teure Bauprojekte: In Philadelphia sank die Schusswaffengewalt rund um begrünte Brachflächen um 29 Prozent. Der Weg dorthin war erstaunlich einfach: Müll entfernen, Gras säen, Bäume pflanzen. In anderen Städten lässt sich Ähnliches beobachten.

Zur Bekämpfung steigender Kriminalität werden oft härteres Durchgreifen, mehr Polizeipräsenz und härtere Strafen gefordert. Diese Maßnahmen erzielen jedoch nicht immer den gewünschten Erfolg und haben oft sogar negative Folgen wie überfüllte Gefängnisse, schlechte Haftbedingungen und hohe Rückfallquoten. Wie einfach der folgende Ansatz die Verbrechensraten in einigen Städten gesenkt hat, ist umso erstaunlicher. 

Bisher waren Müllsammeln und das Pflanzen von Bäumen eher kein direktes Werkzeug der Verbrechensbekämpfung. Doch in Städten wie Philadelphia hatte genau das spürbare Auswirkungen. Im Jahr 2003 rief die Stadt das LandCare-Programm ins Leben. Es verfolgt einen ortsbezogenen Ansatz zur Verbrechens- und Gewaltprävention und setzt zentral auf die Verschönerung brachliegender Flächen und Gebäude. Ansonsten würden verlassene Grundstücke zum Drogenverkauf genutzt, zur Entsorgung gestohlener Fahrzeuge, als Versteck für Schusswaffen oder als Fluchtwege vor Polizeirazzien, so Melissa Stutzbach, Direktorin von LandCare: „Müll und Unkraut signalisieren, dass niemand hinschaut und es niemanden interessiert.”

Hochzeiten und Spielplätze statt Drogendepots und Waffenverstecken

Das Programm setzt dabei auch auf die Mitarbeit von Einheimischen. Diese suchen gezielt nach Grundstücken, die „verlassen oder verfallen sind oder als illegale Deponie genutzt werden“. Um diese prekären Grundstücke wieder zu verschönern, arbeitet die Pennsylvania Horticultural Society mit einem Netzwerk aus 21 Organisationen und 17 Kleinunternehmen zusammen, die die verwahrlosten Grundstücke säubern, begrünen und anschließend zweimal im Monat pflegen. Seit 2003 konnten dadurch 12.000 Grundstücke geräumt und gepflegt werden. Die zurückgewonnenen Flächen werden jetzt für Grillabende, Kinderspielplätze und Hochzeiten genutzt.

Eine Studie aus Philadelphia aus dem Jahr 2018 kam zu dem Ergebnis, dass die Begrünung von unbebauten Grundstücken mit einer Verringerung der Kriminalität einhergeht. Dafür wurden 541 brachliegende Grundstücke in drei Gruppen aufgeteilt. Ein Teil wurde vollständig begrünt, ein anderer nur von Müll befreit und gemäht, der Rest blieb unverändert. Das Ergebnis nach eineinhalb Jahren: Auf den vollständig begrünten Flächen gingen die Waffenangriffe um 29 Prozent und Einbrüche um 22 Prozent zurück. Die Anwohner gaben zudem an, sich seit der Aufwertung der Flächen sicherer und wohler zu fühlen.

Weniger Verbrechen, weniger Stress, weniger Aggression

Was 2003 in Philadelphia begann, haben schon wenige Jahre später weitere Städte in den USA übernommen, da das Prinzip kostengünstig und leicht umzusetzen ist. So startete Baltimore das Care-A-Lot-Programm: Dabei werden Gemeindegruppen direkt dafür bezahlt, brachliegende Flächen selbst zu pflegen. Eine Studie aus dem Jahr 2022 zeigte, dass in den betreuten Gebieten sowohl Gewalt- als auch Eigentumsdelikte stärker zurückgingen als in Vergleichsgebieten ohne entsprechende Pflege.  

Eine Studie in Washington D.C. aus dem Jahr 2024 kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Stadtteile mit mehr Bäumen weniger Kriminalität verzeichnen, unabhängig davon, wie reich oder arm ein Viertel ist. Die Untersuchung zeigte zudem, dass begrünte Areale dabei helfen können, Stress abzubauen und depressiven Gefühlen entgegenzuwirken, was wiederum Aggressionen und impulsives Verhalten senkt.

Dass dieser Zusammenhang auch auf anderen Kontinenten gilt, zeigt eine Studie aus Australien. Dabei untersuchten Forscher von 2013 bis 2018 33 Stadtbezirke im Großraum Sydney. Das Ergebnis: Mehr Grünflächen gingen mit weniger Gewaltdelikten im öffentlichen Raum einher.

Mehr freundliche Begegnungen und kühlere Köpfe

Die Antwort auf die Frage, warum sich Stadtgrün positiv auf das menschliche Verhalten auswirkt, ist vielschichtig. Verwahrloste Flächen signalisieren, dass sich keiner kümmert und sich niemand zuständig fühlt. Gepflegte Flächen senden das gegenteilige Signal aus: Menschen mögen ihre Umgebung und gehen sorgsam mit ihr um. Zudem begegnen sich Nachbarn häufiger und es entsteht mehr informelle soziale Kontrolle.

Dazu kommen weitere Effekte: Grüne Räume reduzieren nachweislich Stress und wirken depressiven Gefühlen entgegen, die oft zu Aggressionen und Gewaltverhalten führen können. Zudem kühlen Bäume und Pflanzen die Umgebung durch Beschattung und Verdunstung. Bäume, Wiesen und Beete sorgen also ganz wörtlich für kühlere Köpfe.

Dennoch ist Begrünung kein Allheilmittel. Kriminalität kann sich in benachbarte Straßen und Gegenden verlagern, anstatt vollständig zu verschwinden. Wird ein Viertel attraktiver, steigen oft die Mieten und vertreiben alteingesessene Bewohner. Zudem müssen Flächen langfristig gepflegt werden. Verwahrlost eine Fläche erneut, gehen die positiven Effekte schnell zurück.

Philadelphia hat in den letzten 20 Jahren jedoch bewiesen, dass der Ansatz „Grün gegen Gewalt“ funktioniert und dass sich dabei auch das bürgerliche Engagement erhöht. Anwohnerin Linda Lloyd, die seit 1989 auf der Wyalusing Avenue lebt, bringt es auf den Punkt: „Mein Block ist wie mein Wohnzimmer. Ich will ihn sauber halten.“

Foto: Edan Cohen / Unsplash (CC0)

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